Versace Blonde

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Versace´s Blonde
Versace´s Blonde

Duftgewaltige Performance: Versace´s Blonde

Mit Blonde von Versace im blauen Liegeflakon verbindet mich ein langer Weg. Der Stinker von Nathalie Feisthauer, wie ich in liebevoll nenne, sollte mein Leben verändern. Winter 1996. Ein Bummel durch die Stadt. Weihnachtsgeschenke sollten besorgt werden. Der Weg führte am Türkisen vorbei; natürlich auch hinein. Damals genoss man in der Gutenbergstadt Mainz noch einen großartigen Service in den ortsansässigen Parfümerien – in einigen sogar heute noch. Beim Schlendern durch die Regale fiel ein Parfüm auf, das enorm im Preis reduziert war. Damals war dies noch wichtig. Als junge Frau hatte ich schon ein Faible für Nischendüfte, aber nicht das Geld, um sie mir leisten zu können. Seine Verpackung gab sich selbst für damalige Verhältnisse imposant und opulent. Obwohl gerade die kunterbunten und dekorationsdrallen 1980er Jahre hinter uns lagen. Blonde von Versace sah schon im Karton so ganz anders aus als JOOP! und Bogner. Blaues Label umgeben von goldenem Geschnörkel. Der Duft, von dem ich heute weiß, dass er aus der Hand von Nathalie Feisthauer stammt und der im  Liegeflakon gebettet ist, musste einfach mit.

Unsere erste olfaktorische Begegnung

Zwischen Parfümerie und Zuhause lagen 6 km, die ich mit dem Stadtbus hinter mich bringen musste. Der war überfüllt und dass ich einen Sitzplatz bekam, war reine Glückssache. Alles drückte und quetschte sich tütenbeladen in den Bus. Kurz vor Weihnachten. Die Heizung lief auf vollen Touren. Die Luft im Öffentlichen müffelte brutal. Stau. Schnee. Glatteis. Der 15-Minuten-Weg dauerte zwei Stunden. Was macht man als Frau, die sich gerade ein Parfüm gekauft hat, das trotz Preisnachlass immer noch recht teuer war? Auspacken und probeschnüffeln. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. Kaum war das Versace Eau de Toilette Blonde auf den Handrücken gesprüht und verteilt, umkreiste mich eine Duftwolke, die gewaltiger nicht hätte sein können. Dummerweise lagen noch gut und gerne eineinhalb Stunden des Weges vor uns. Meine dadurch ausgelöste Migräne und der Brechreiz hielt 3 Tage an. Um mich herum wurden schlagartig Sitzplätze frei und das Stöhnen der anderen Businsassen war nicht zu überhören. Es brauchte Mut, mich jemals diesem Stinker nochmals zu nähern. Derartiges ist mir in all den Jahren zweimal passiert. Bei Versace´s Blonde von Nathalie Feisthauer und bei Womanity, der erst viele Jahre später auf den Markt kam und mit dem opulenten Versace an sich nichts gemein hat.

Blonde im blauen Liegeflakon
Blonde im blauen Liegeflakon

Neu verpackt – auch neu formuliert?

Versace Blonde wurde im Laufe der Jahre in diversen Varianten lanciert. Ich persönlich hege eine große Liebe zu Versaceparfüm, jedoch muss ich sagen, dass mir generell die neueren Düfte des Hauses längst nicht so gefallen, wie dieser der Parfümeurin Nathalie Feisthauer. Das Haus hat dieses Parfüm aus seinem blauen Liegeflakon sowie der Gold-Blau-Kartonage verbannt und in unterschiedliche andere Flakons und Kartons gesteckt. Während diesem Werdegang scheint auch der Duft umformuliert zu sein und ich vermute, auf diesem Weg hat auch die Intensität, die Schwere sowie die Qualität der Duftessenz, wie einst von Nathalie Feisthauer geschaffen, eingebüsst. Deshalb bezieht sich die Duftbeschreibung einzig auf die Originalversion von Nathalie Feisthauer aus 1995. Die Neuauflagen interessieren mich nicht.

Mein altes Mädchen – 19 Jahre und kein bisschen leiser

Dazu später mehr. Der erste von mir geleerte Flakon ist aktuell 19 Jahre alt und befindet sich als Nostalgiestück nach wie vor in meiner Sammlung. Nimmt man das Topping ab, ist der Duft nach wie vor authentisch riechbar und hat keinerlei Anzeichen von Kippen. Das nenne ich Qualität. Nathalie Feisthauer hat ganze Arbeit geleistet. Heutigen Versaces und vielen anderen Parfums traue ich derartiges nicht mehr zu. Übrigens ist das keine Seltenheit. Viele Flakons aus den 1980er und 1990er Jahren weisen ähnlich gute Haltbarkeit auf, während indes schon so manches neu gekaufte Duftwässerchen nach 1 bis 2 Jahren über die Wupper gegangen ist.

Die Duftnoten

Der blaue Liegeflakon hat es in sich. Bei einem Eau de Toilette vermutet man nichts Umwerfendes. Doch die bekannten Duftnoten scheinen wie ungezügelte Wildpferde darauf zu warten, aus ihrem Pferch herausgelassen zu werden.

  • Kopf: Bergamotte, Gardenie, Neroli, Klebsamen, Veilchen
  • Herz: Gartennelke, Narzisse, Tuberose, Ylang-Ylang
  • Fond: Benzoe, Moschus, Zibet

Auf den ersten Blick fallen viele gewichtige Riechstoffe auf. Nichts, was man mit Dezentem in Verbindung bringen würde. Die Bergamotte in Blonde kommt nur einen minimalen Moment mit sympathischer Spritzigkeit hervor. Direkt eingeholt von einer süßen und übermächtigen Duftkeule. Hauptsächlich ist es die Gardenie und der Klebsamen, die eine geballte Ladung an schwerer Süße zur Explosion bringen. Der Moment, an dem der Duft von Versace und Nathalie Feisthauer wuchtig und migräneverursachend Fahrt aufnimmt. Das Veilchen kommt mit einer pudrigen und ebenfalls erdrückenden Schwere hinzu. Die Formulierung lässt Ansätze eines Gourmands erkennen. Vanille, auch so etwas wie Marshmallow umschwärmen die Nase. Eine leichte Verwandtschaft zu Angel ist riechbar.

Blumige Herznote mit Bums

Unter dem Blickwinkel, dass die 1995er Version Versace´s Blonde im Liegeflakon durchaus intensiver sein dürfte, als die neueren Abfüllungen, fällt es schwer, diesen wuchtige Frauenparfüm der großartigen Nathalie Feisthauer zu beschreiben. Zumal die alten Abfüllungen in den bisher vergangenen 19 Jahren kräftig nachgereift sein dürfte. Die Konzentration der Duftöle ist immens. Versace hat gemeinsam mit der Nase Nathalie Feisthauer diesen Duft Schwester Donatella gewidmet. Die Blondine hat dieses typisch italienische gewisse Etwas. Rasseweib mit anziehenden herben Zügen. Ebenso hat Frau Feisthauer der Wuchtbrumme Charakter anerzogen. Dieser starke und ausdrucksstarke Charakter pfeift auf Gefälligkeit, sondern strotzt so vor Selbstbewusstsein. Hass mich oder lieb mich – mir doch schnuppe. Wer Blonde tragen will, muss ihn ertragen können. Fertig.

Versace´s Markenzeichen
Versace´s Markenzeichen

Gianni V. spart an nichts

Die anfängliche explodierende, aufdringliche und fast schon widerliche Süße lässt nicht nach, sondern übergibt in die Blumen-Keule, die im Parfümherz zu erschlagen droht. Der tiefblaue Liegeflakon mit goldenem Medusenkopf bettet eine vulgär anmutende Duftessenz ein und präsentiert den opulenten, sehr neobarocken Duft perfekt. Gianni Versace ist unabdingbar mit der Dekadenz der 1980er Jahre verbunden, die Universen von „Geiz ist geil“ entfernt waren. Auch das ein Indiz dafür, dass spätere Abfüllungen abgeschwächte Varianten sein könnten. Wahrscheinlich komponierte Nathalie Feisthauer, während Gianni neben dran stand und rief: „Mehr, mehr, kipp ruhig noch was davon rein!“ – oder so ähnlich. Mit den ausklingenden 1990er Jahren wandelte sich das. Nahezu alle Düfte die danach folgten, sind weniger filigran, weniger wuchtig, weniger großzügig und darum auch nicht mehr so feudal und oppulent. Ein duftes Paradebeispiel ist auch Guerlain´s Shalimar, der an Opulenz ebenfalls nicht geizt.

Duftverlauf dieses Klassikers

Blonde im detaillierten Ablauf zu beschreiben ist unmöglich. Nathalie Feisthauer hat ein wahrlich virtuoses Meisterstück erschaffen. Die Riechstoffe wirbeln nur so umher. Mal hiervon was, mal davon. Dann alle zusammen im Chor. Laut, leise, laut. Es lässt sich nicht ausmachen, wann die geballte Gartennelke der Narzisse, der Tuberose oder dem betörenden Ylang-Ylang die Klinke in die Hand reicht. Der Zibet, der erst im Fond benannt wird, schwingt schon im Anfang mit. Zusammen mit der überschwinglichen Süße sorgt das Analdrüsensekret der Zibetkatze für die kleine Portion Ekel, die in Liaison mit konzentrierten floralen Noten dann doch etwas zauberhaft Schönes fabriziert. Die Sillage von Blonde. Wer das Duftparadies liest, kommt nicht um meine Leidenschaft zu schweren und intensiven Düften herum. Thierry Mugler ist meine Signatur und kann niemals zuviel aufgesprüht werden. Doch an der Spitze meines Duftolymps kann es nur einen Duftgott geben. Und das ist seit 19 Jahren Gianni Versace´s Blonde, von Nathalie Feisthauer virtuos komponiert. Der zumindest im Geiste meine Signatur ist. Ein mystisch dunkler Duft, der zu Recht Gold trägt.

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